Teil 2 - Jede 5 Bewerbung ist KI unterstützt
Aktuell nutzen 19 Prozent der Bewerberinnen und Bewerber künstliche Intelligenz, um ihr Anschreiben zu verfassen. Weitere 42 Prozent haben damit zwar keine praktische Erfahrung, können sich aber die KI-Nutzung vorstellen. Wie häufig KI inzwischen in Bewerbungen vorkommt, ermittelte eine Umfrage von Softgarden.

Die Umfrage des Software-Anbieters Softgarden unter 2.674 Bewerberinnen und Bewerbern zeigt auf, wie stark sich künstliche Intelligenz (KI) innerhalb eines halben Jahres im Bewerbungsprozess etabliert hat. Antworteten im Frühjahr 2023 noch 49 Prozent der Bewerbenden, dass sie KI für das Verfassen von Bewerbungen einsetzen oder sich den KI-Einsatz vorstellen könnten, ist der Anteil der (potenziellen) KI-Nutzer und -Nutzerinnen im Herbst auf 61 Prozent gestiegen.
KI in der Bewerbung: deutlich mehr Befürworter als Skeptiker
KI-basierte Textgeneratoren können auf Grundlage weniger Schlagworte vollständige, hochqualitative Texte erstellen. Das Anschreiben, das für Jobsuchende oft als eine der zeitaufwendigsten und anspruchsvollsten Aufgaben im Bewerbungsprozess gilt, kann nun in wenigen Augenblicken mithilfe von KI erstellt werden. Auch das Korrekturlesen der Bewerbungsunterlagen kann mittels KI schnell und unkompliziert erledigt werden.
In Zukunft kann und wird KI auch von Jobsuchenden für die Suche nach Jobs eingesetzt werden. Bis zu einem gewissen Grad ist auch das bereits Realität, wenn beispielsweise auf Social Media Algorithmen passende Stelleninserate an Jobsuchende ausspielen oder wenn bei der Jobsuche Stellen, die mit dem Profil der Jobsuchenden matchen, gelistet werden.

Erfahrungen mit KI außerhalb der Bewerbung
Recruiter und Recruiterinnen können mit Hilfe von künstlicher Intelligenz Stelleninserate schreiben und optimieren. Zusätzlich kann KI große Datenmengen in kürzester Zeit analysieren und relevante Informationen für die Entscheidungsfindung bereitstellen. Sie kann beispielsweise aus Datenbanken passende Kandidaten und Kandidatinnen herausfiltern, vergleichen und Empfehlungen abgeben. Das kann auch die Chancengleichheit erhöhen, da KI, wenn sie richtig trainiert und eingesetzt wird, Bewerbende vorurteilsfreier und objektiver beurteilen kann als der Mensch.
Auch in der Bewerberkommunikation kann KI in Form von Chatbots oder KI-Charakteren hilfreich sein, indem sie die erste Kontaktaufnahme übernimmt oder häufig gestellte Fragen beantwortet. Außerdem kann KI zur Planung von Kommunikation genutzt werden, um beispielsweise die besten Plattformen und Kanäle zu bestimmen, um potenzielle Kandidaten und Kandidatinnen zu erreichen.
Wenig Angst vor künstlicher Intelligenz
Der grundlegende Vorteil von KI ist, dass sie im Recruiting Routineaufgaben übernehmen kann und es Recruitern und Recruiterinnen ermöglicht, sich auf strategische und kreative Aspekte ihres Jobs zu konzentrieren. Gleichzeitig wirft sie aber auch neue Fragen auf, auf die es (noch) keine definitiven Antworten gibt und die uns dazu zwingen, den Bewerbungsprozess anders zu denken.
Allen voran stellt sich die Frage, wie aussagekräftig Bewerbungsunterlagen, die mit KI erstellt wurden, noch sind. Kann ein "fremdgeschriebenes" Anschreiben Auskunft über die Qualifikationen und Motivation der Bewerber und Bewerberinnen geben? Realistischerweise macht es vermutlich wenig Unterschied, ob ein Bewerbungsschreiben mit einer Vorlage aus dem Internet oder einem KI-Textgenerator erstellt wurde, wenn der Text nur aus leeren Phrasen besteht und wenig über die sich bewerbende Person und ihre Qualifikationen aussagt. Außerdem kann es schnell passieren, dass das Bewerbungsschreiben auf Seiten des Unternehmens ebenfalls von KI bewertet wird oder Recruiter und Recruiterinnen Bewerbungen, die klar ersichtlich mit KI erstellt wurden, relativ schnell aussortieren.
Um dem vorzubeugen, können kurze, spezifische Abfragen (zum Beispiel in Chatform oder als Formular) und Bewerbungsvideos eingesetzt werden. Hier stellen sich die Kandidaten und Kandidatinnen persönlich vor oder geben Auskunft zu bestimmten Aspekten des Jobs. Die Form der Bewerbung wird sich also in den nächsten Jahren stark verändern.
KI im Bewerbungsprozess: Fünf Empfehlungen
Auf Basis der Studienergebnisse geben die Studienautoren fünf Ratschläge zum Umgang mit künstlicher Intelligenz im Bewerbungsprozess und im HR-Management:
1. Verzichten Sie auf das Anschreiben
Da immer mehr Bewerberinnen und Bewerber ChatGPT oder eine andere generative KI nutzen, um das Anschreiben zu erstellen, ist es nicht mehr ratsam, dieses für eine Bewerbung anzufordern. Schon lange sehen Eignungsdiagnostiker das Anschreiben für eine Kandidatenauswahl kritisch. In absehbarer Zeit dürfte es keinerlei Rückschlüsse mehr auf die Motive oder die Persönlichkeit zulassen, sondern eher auf das KI-Know-how von Stellensuchenden.
2. Nutzen Sie KI für das Recruiting – aber gut überlegt
Die Anwendung von KI für das Recruiting lässt sich nicht mehr aufhalten. Dennoch sollten Arbeitgeber besonnen vorgehen und auch den Datenschutz nicht aus den Augen verlieren. Schon manche gehypte KI-Anwendung in der Personalauswahl hat sich als nicht ausreichend evaluiert entpuppt. Strenge Maßstäbe sind notwendig sowie ein ausreichendes Testverfahren, das auch unbewusste Biaswirkungen miteinbezieht.
3. Behalten Sie Akzeptanzschwellen im Auge
Stellensuchende finden es o.k., wenn Arbeitgeber beim derzeitigen Stand der KI-Entwicklung künstliche Intelligenz als Entscheidungshilfe verwenden. Aber nur die wenigsten halten es für in Ordnung, wenn KI als autonome Entscheidungsinstanz oder Ersatz für menschliche Interaktion eingesetzt wird.
4. Sorgen Sie für Transparenz
Zur Akzeptanz von KI-Anwendungen gehört auch, dass die Stellensuchenden angemessen darüber informiert werden, in welcher Form KI im Bewerbungsprozess zum Einsatz kommt. Auch wenn das Risiko besteht, dass ein Teil der Bewerberinnen und Bewerber den Einsatz von KI auf Arbeitgeberseite mit einem eigenen Einsatz von KI in ihrer Bewerbung beantworten wird.
5. Leiten Sie eine KI-Offensive in der Personalentwicklung ein
Auch außerhalb des Recruitings wird die Arbeitswelt massiv vom Vordringen von KI-Anwendungen berührt. Deshalb ist eine sorgfältige und unternehmensindividuelle Analyse der Potenziale und Risiken vonnöten. Mit Qualifizierungsmaßnahmen kann aus dem "KI-Risiko" ein Mittel gegen den Fachkräftemangel werden.
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